Über das Scheitern

 

Wir versagen und scheitern alle. Jeder einzelne von uns. Manche offensichtlicher als andere. Manche, subjektiv gefühlt, tragischer als andere. Manche privilegierter als der Rest der Weltbevölkerung. Aber die Scham, der Schmerz und das Loslassen von Träumen verbindet uns alle. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob Menschen, die weniger Abenteuerlustig und Risikobereit sind, weniger Möglichkeiten zum Scheitern haben. Aber ich denke, das ist einerseits der falsch Ansatzpunkt und andererseits auch nicht Wahrheitsgetreu. Denn es scheitern alle. Weniger risikobereite Menschen scheitern vielleicht in der Schule, in Prüfungen, an Beziehungen oder im Garten. Elizabeth Day, eine großartige Autorin, schrieb:

„Was bedeutet Scheitern eigentlich? Ich denke, es bedeutet im Grunde genommen nur, dass wir unser Leben in vollen Zügen leben. Wir machen Erfahrungen auf verschiedenen Ebenen, anstatt uns nur mit der Eintönigkeit eines einzigen, gleichbleibenden Gefühls zu begnügen. Wir leben in Farbe, nicht in Schwarz-Weiß. Wir hören niemals auf zu lernen. Und bei allen Herausforderungen, die uns noch begegnen werden, kann ich immer nur denken: Es ist wirklich ein unglaubliches Abenteuer.“

Ich möchte lieber auf ein volles, erfülltes Leben zurückblicken, voller Höhen und Tiefen. Ein Leben, dass ich vollständig und authentisch gelebt habe. Ein Leben, bei dem ich immer Ich selbst war, in allen großartigen Dingen und allem Scheitern. Denn ganz ehrlich, erst das Scheitern macht uns wirklich authentisch. Und vor allem, lässt Scheitern uns wachsen und reifen. Scheitern formt unseren Charakter und lehrt uns Dinge über uns selbst und das Leben, die wir sonst niemals gelernt hätten. Nur im Versagen erleben wir eine Schwachheit, die unser ganzes Leben auf den Kopf stellt. Und wenn wir das zulassen, entwickeln wir so viel Kraft und eine unglaubliche Horizont-Erweiterung, die uns noch stärker machen kann.

Vorgeben, jemand anderes zu sein

Wir versuchen als Menschen oft, den Schein zu wahren. Wir geben vor, besser zu sein als wir eigentlich sind. Wir zeigen unser wahres Ich niemandem, vielleicht nicht mal uns selbst. Wir verstecken all die dunklen Schattenseiten vor den neugierigen Blicken der Menschen und leben ein Leben, das gar nicht uns selbst entspricht. Dabei liegt so viel Schönheit darin, wenn man geliebt wird, genauso wie man ist. Wünschen wir uns das nicht eigentlich alle? Wenn wir komplett ehrlich waren, alles Negative, alles Versagen und Scheitern offen liegt und jemand uns (trotzdem) in den Arm nimmt?

Vielleicht trauen wir uns nicht mal, vor uns selbst ehrlich zu sein? Jeder von uns hat in seiner Seele, seinem Herzen, blinde Flecken, die man selbst nicht sehen kann. Vielleicht haben wir sie zugedeckt weil es zu weh tut, sich ihnen zu stellen. Vielleicht hängen Erinnerungen daran, die so schmerzhaft sind, dass wir sie nicht ertragen könnten. Also leben wir lieber sicher und wahren den Schein. Das tut nicht so weh. Allerdings macht es uns auch nicht wirklich frei.

Die anklagende Stimme

Wir sollten einander helfen, die anklagende Stimme zum Schweigen zu bringen. Die Stimme, die uns sagt, dass wir nicht gut sind, dass wir falsch sind, nichts wert, dass wir es nicht schaffen werden, dass wir Versager sind. Nadia Bolz Weber, eine lutherische Pfarrerin schrieb:

Wir sollten „einander so lieben, wie Gott uns liebt. Uns selbst so lieben, wie Gott uns liebt. Einander an die wahre Stimme Gottes erinnern. Und es gibt nur einbe Möglichkeit, das zu tun: indem wir, ohne uns zu entschuldigen und in aller Demut, wir selbst sind. Indem wir nicht so tun, als ob. Indem wir echt sind. Wirklich. Unser tatsächliches, nichtideales Ich.“